Kurator:innenprogramm CAP
Kurator:innenprogramm CAP

CAP — Curating for Advanced Practices

 

 

 

Aus der intrinsischen Erweiterung künstlerischer Praktiken ergibt sich das heutige transdisziplinäre Verständnis von Kunst und Kultur. Gleichzeitig lösen gesellschaftliche Veränderungen und Identitätspolitiken konventionelle Vorstellungen von Peripherie und Zentrum auf. Bedarfe für künstlerische Produktionen werden verändert und Publikumskreise erweitert.

 

Mit diesen Entwicklungen verändert sich auch das Tätigkeitsfeld des Kurators / der Kuratorin. Die klassische Ausstellung wird durch innovative Vortragsreihen, Veröffentlichungen, Diskussionsrunden, Workshops, Filmvorführungen oder digitale Formate ergänzt oder gar ersetzt.

 

Die Stiftung Künstlerdorf organisiert jährlich ein Kurator:innenprogramm, mit dem Ziel, neue Strategien und Strukturen zu entwickeln und Umsetzungsfragen zu klären. Das Konzept leitet sich aus dem Bedeutungsraum des Kuratierens ab, wonach diesem ein tiefes Verständnis für gesellschaftliche Herausforderungen sowie künstlerische Prozesse und Methoden zukommt und ist nicht auf eine künstlerische Sparte oder eine fachliche Disziplin beschränkt. Handlungsfelder des Programms liegen auf Produktionsbedingungen, dem Finanzierungsbedarf sowie zeitgemäßen Formen der Vermittlung und Beteiligung von Interessensvertreter:innen oder andere Zielgruppen.

 

Bei wechselnden thematischen Schwerpunkten wird das transdisziplinäre Programm von einer Gruppe von vier bis zehn Expert:innen aus künstlerischen und außerkünstlerischen Bereichen gestaltet (inklusive Vertreter:innen anderer Wirtschaftszweige und Wissenschaftler:innen).
Das Programm findet während des Zeitraumes von etwa ein bis zwei Wochen im Juli im Künstlerdorf statt. Während dieser Zeit werden Vorträge gehalten und Inhalte diskutiert. Dabei gibt es einen Teil an öffentlichen Programmeinheiten und Präsentation, wie Ausstellungen, musikalische Beiträge oder Lesungen. Zu dem Programm erscheint eine Publikation.

 

Auf dem Weg zu permakulturellen Institutionen. Übungen zum kollektiven Denken
10. — 18. Juli 2022

Ein Sommerseminar der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, kuratiert von Aneta Rostkowska und Nada Schroer

 

In den letzten Jahren beobachten wir eine Zunahme von Ausstellungen zu Pflanzen und Ökologie in Kunstinstitutionen, begleitet von einer Faszination für indigenes Denken und verschiedene Formen kollektiver Arbeit. Gleichzeitig macht sich eine wachsende Desillusionierung über das Kunstsystem selbst bemerkbar, etwa in Bezug auf mangelnde Solidarität, ausbeuterische Arbeitsbedingungen, kurzfristige Finanzierung einhergehend mit einem Rücklauf an struktureller Unterstützung, einem oberflächlichen Verständnis von Diversität, starken hierarchischen Strukturen in Kunstinstitutionen, normativem Individualismus, zwanghaftem Self-Branding oder dem Kult um Mobilität und Flexibilität. Das Kunstsystem imitiert perfekt die neoliberale Ökonomie, die unser Umfeld prägt. Jedoch führt diese Enttäuschung nur selten zu konkreten Handlungen. Ein „Neoliberaler Kunstrealismus“ (ein Begriff, der von Mark Fishers „kapitalistischem Realismus“ inspiriert ist) prägt die Vorstellung, dass der Status quo der Kunstwelt das einzig tragfähige Kunstsystem sei und es unmöglich ist, sich eine kohärente Alternative vorzustellen.

 

Andererseits verdeutlichen die jüngsten Erkenntnisse zum Klimawandel, dass Wirtschaft und Gesellschaft nicht weitermachen können wie bisher. Die ökologische Katastrophe, vor der wir stehen, löst einen starken Impuls und Veränderungsbedarf aus.

 

Während dieses Seminars werden wir ökologisches Denken nutzen, um anders über die Funktionsweise des Kunstsystems und insbesondere über verschiedene Arten von Kunstinstitutionen nachzudenken. Wir werden versuchen, unser Wissen zu Pflanzen und zur Permakultur, die bisher hauptsächlich als Ausstellungsinhalte fungieren, in die Strukturen unserer Arbeit und unserer kuratorischen Praxis einzubringen. Wie könnte die Ethik der Permakultur (Earthcare, Peoplecare und Fairshare) eine nachhaltige Transformation von Kunstinstitutionen befördern, die über die oberflächliche Anwendung ökologischer Richtlinien hinausgeht? Kann der regenerative Aspekt des permakulturellen Denkens in eine regenerative Philosophie einer Kunstinstitution umgewandelt werden? Könnte sich dieses Denken auf nachhaltige gemeinschaftsbasierte Praktiken übertragen lassen, die sich auf emanzipatorische Formen der Zusammenarbeit und die kollektive Sorge um (ökologische und soziale) Gemeingüter konzentrieren? Was können wir von indigenen Praktiken und dem Funktionsweisen von Kunst in indigenen Kontexten lernen, ohne diesie anzueignen oder zu romantisieren? Die Moderne konstruierte eine abstrakte Trennung von „Natur“ und „Kultur“ und brachte Kolonisationsprozesse mit sich, die von rassistischen Ideologien und den Bedürfnissen des Kapitalismus befeuert wurden. Nun drängt sich die Frage auf: Wie können wir gemeinsam den nächsten Schritt gehen? Können wir die Moderne und ihre immer wieder auftauchenden „Geister“ negieren und in einem synthetischen, allumfassenden Schritt mit neuen, nachhaltigen Konzepten und Praktiken auf die nächste Ebene gelangen?

 

Ziel des Seminars ist es, ein Netzwerk – ein Mycellium – von Permakultur-Praktizierenden und Kunstinstitutionen zu schaffen, die daran interessiert sind, die ökologische Reflexion im Kunstsektor auf eine andere, tiefere Ebene zu bringen, die zu neuen Institutionsmodellen führt.

 

Der erste Teil des Seminars widmet sich dem Verständnis der permakulturellen Praktiken sowie anderer ökologischer Ansätze durch Theorie, aber auch Aktivitäten im Garten. Zusammen mit eingeladenen Expert:innen, wie Alfred Decker, werden wir die Techniken und die Ethik der Permakultur entlang ihrer 12 Prinzipien erforschen: Beobachten und Interagieren, Energie einfangen und speichern, Ertrag erzielen, Selbstregulierung anwenden und Feedback akzeptieren, Erneuerbare Ressourcen und Dienstleistungen nutzen und wertschätzen, keine Verschwendung vorantreiben, vom Mustern hin zum Details entwerfen, Integrieren statt Trennen, kleine und langsame Lösungen anwenden, Vielfalt nutzen und wertschätzen, Randbereiche nutzen und das Marginale wertschätzen sowie Veränderungen kreativ nutzen und darauf reagieren.

 

Im zweiten Teil gehen wir tiefer auf spezifische Themen wie das Kuratieren in kleinen/mittleren Kunstinstitutionen, das Kuratieren von Residency-Programmen und das Kuratieren von Festivals ein. Wir werden kollektiv permakulturelles/Pflanzen-Denken auf diese Bereiche anwenden und erörtern, wie ökologische Ansätze uns auf unserem Weg über den neoliberalen Kunstrealismus hinaus helfen können, wie wir einen Wandel in diesem Feld erreichen und Methoden hin zur ökologischen Institution entwickeln können.

 

Es wird eine Veranstaltung für Besucher:innen, Kunst- und Kulturschaffende aus der Region geben, die die Gelegenheit bietet, an den Hauptvorträgen teilzunehmen und sich an der gemeinsamen Diskussion zu beteiligen.
Alle Teilnehmenden werden gebeten, basierend auf ihren Erfahrungen, einen kurzen Input für die Gruppe zu liefern.

 

Während des Seminars werden wir unter der Leitung des Künstlers Yoeri Guépin im Künstlerdorf Schöppingen kollektives Gärtnern praktizieren. Diese praktische Auseinandersetzung mit Boden, Pflanzen und dem Planeten zielt darauf ab, unsere theoretischen Diskussionen zu erweitern.

 

Für alle Teilnehmenden wird eine Leseliste erstellt mit der Bitte, die Texte vor der Anreise zu lesen.

 

 

Das Seminar wird kuratiert von Aneta Rostkowska und Nada Schroer und veranstaltet von der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, unter Leitung von Julia Haarmann.

 

Das Projekt ist Teil des Programms CAP (Curating for Advanced Practices) der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen. CAP zielt darauf ab, neue Strategien und Strukturen in den Künsten und für künstlerische Praktiken zu entwickeln und deren Umsetzungs- und Produktionsbedingungen zu klären.

 

Aneta Rostkowska ist Kuratorin, Autorin und Gärtnerin, Absolventin des de Appel Curatorial Program in Amsterdam. Sie verfolgt experimentelle kuratorische Praktiken, in denen sich politisch relevantes Geschichtenerzählen durch sorgfältig konstruierte sinnliche Umgebungen entwickelt. Rostkowska studierte Philosophie, Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte in Krakau, Posen, Heidelberg und Frankfurt am Main. Sie arbeitete als Kuratorin an der Bunkier Sztuki Gallery of Contemporary Art in Krakau (2011-2016) und an der Akademie der Künste der Welt in Köln (2016-2018). Seit Januar 2019 ist sie Direktorin der Temporary Gallery, Zentrum für zeitgenössische Kunst in Köln. Neben dem Kuratieren unterrichtet sie Kunsttheorie, Kunstgeschichte und Philosophie an verschiedenen Universitäten und Kunsthochschulen.

 

Nada Schroer studierte Arts and Media Presentation in Hildesheim sowie Cultures of Curation in Leipzig. Sie forscht und schreibt zu den Themen Digitalität, Science Fiction und Games. Ihre Kunstvermittlung und kuratorische Arbeit umfasst Projekte im HKW Berlin, Sprengel Museum Hannover, Kunstverein Hildesheim, Kunstverein Braunschweig, GOLD + BETON in Köln, D21 Leipzig und NRW-Forum Düsseldorf.

 

In Kooperation mit der CCA Temporary Gallery in Köln.

 

Das Projekt wird unterstützt vom Förderverein der Stiftung Künstlerdorf und von der Kunststiftung NRW.